Eine (sehr) kurze Geschichte der Odenwaldschule
1910
genauer gesagt am 17. April 1910 gründete Paul Geheeb und seiner Frau Edith Geheeb geb. Cassirer mit der finanziellen Hilfe des Schwiegervaters Max Cassirer die Odenwaldschule in Oberhambach. Wenn das Projekt gescheitert wäre, hätte man immer noch ein Altersheim daraus machen können. Ganz im Geiste der Jugendbewegung, war es ein fortschrittlicher und moderner Ort. Geheeb's Leitspruch war "werde der Du bist". Er führte die Koedukation ein, also das gemeinsame Leben und Lernen von Jungen und Mädchen, Lehrerinnen durften auch nach ihrer Heirat weiterhin unterrichten, was in der öffentlichen Schule verboten war. Es wurde viel gewandert, gesungen und es gab eine Art Freikörperkultur, die für die damalige Zeit revolutionär war.
bis 1934
Paul Geheeb und seine Frau hatten u. a. Kontakt zu dem indischen Philosophen Rabindranath Tagore und viele Persönlichkeiten aus Politik und Gesellschaft statteten der Odenwaldschule Besuche ab. Hier sei exemplarisch genannt: Ernst Barlach, Käthe Kollwitz, Karl Schmidt-Rottluff, Eugen Diedrichs, Alfred Kubin, Golo Mann, Ludwig Thoma, Käte Kruse, Karl Barth, Martin Buber.
Geheeb emigrierte aufgrund der politischen Situation 1934 mit seiner jüdischen Frau Edith und ca. 25 Schülern und einigen Mitarbeitern in die Schweiz und gründete dort die Ecole d’Humanité (https://ecole.ch/).
Die Lehrer Hans Sachs und Werner Meyer führten die Odenwaldschule weiter und waren bereit, für den Fortbestand der Schule Geheebs pädagogische Prinzipien preiszugeben und den nationalsozialistischen Behörden weitreichende Konzessionen zu machen. Die meisten bisherigen Lehrer wurden entlassen, die Koedukation wurde aufgehoben, es formierte sich eine HJ-Gruppe und es gab Pläne, die Odenwaldschule zu verstaatlichen. Dazu kam es aber nicht mehr
1956/1963
genauer am 22. Januar 1956 wurde der Förderkreis, und am 25. Oktober 1963 der Altschülerverein der Odenwaldschule gegründet.
Ziel war es «an der Gestaltung unserer Schule mitzuarbeiten». Also zum Beispiel ein Jahres-Vollstipendium oder einen dringend benötigten Sportplatz zu finanzieren. Zu Beginn war der ASV auch mit einer Person im Trägerverein der Odenwaldschule vertreten. Es gab neben dem Vorstand fünf Ausschüsse mit drei bis sieben mithelfenden Altschülern. Diese Ausschüsse setzen sich sehr intensiv auch mit der pädagogischen Ausrichtung der Schule auseinander. Im Einzelnen war das der Organisationsausschuss, Ausschuss für Unterrichtsfragen, für Hochschul- und Berufsberatung, ein Bau-Ausschuss und ein Public-Relations-Ausschuss. Der erste Vorsitzende war Peter Conradi (https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Conradi), sein Stellvertreter Roland Reichwein (https://de.wikipedia.org/wiki/Roland_Reichwein) und als Dritter im Bunde Dietrich Seidel (http://www.seidel-dietrich.com/person.html).
Im Laufe der Jahre veränderte sich das Interesse am Verein und die aktive Mitarbeit von Altschülern in Ausschüssen ging immer mehr zurück. Der Zusammenschluss zwischen den beiden Vereinen wurde beim Altschülertreffen 1995 diskutiert und beschlossen und 1997 in einer Satzung verankert.
2010
Im März 2010 kamen Fälle von sexualisierter Gewalt an der Odenwaldschule an die Öffentlichkeit. Eine erste Untersuchung (https://www.anstageslicht.de/) ging von drei Haupttätern – unter ihnen auch der Schulleiter von 1972 bis 1985 – und etlichen «Mitläufern» aus. Es gab ein immenses Medienecho in allen grossen Zeitungen. Ein bereits im November 1999 erschienener Artikel ebenfalls zum Thema Missbrauch an der Odenwaldschule, in der Frankfurter Rundschau (https://www.fr.de/politik/lack-11620273.html) verhallte ohne nennenswerte Konsequenzen.
Es begann ein Ringen um Anerkennung, Schulrettung und der Suche nach dem richtigen Weg der Aufarbeitung. Das Ausmass der Taten war zu weitreichend. Die rückläufigen Schülerzahlen und der Strudel an gegenseitigen Vorwürfen und personeller Fehlbesetzungen trugen zur weiteren, negativen Entwicklung bei.
2015
Die Odenwaldschule Oberhambach schliesst – nach 105 Jahren – am 02. September 2015 für immer ihre Türen. Das Gelände wird verkauft und ein Wohnpark entsteht (https://www.wohnpark-ober-hambach.de/).